Zeitzeugeninterview mit Herrn Tillack am 07.07.09

Bereits im April beim Zeitzeugentreff im Heimatkundemuseum in Sager lud uns Herr Tillack zu sich nach Hause ein, um einige Ausstellungsstücke, wie Wimpel, Pokale etc. für das Projekt zusammenzutragen. Natürlich ließen wir uns so eine Gelegenheit nicht entgehen und während wir seine „Schätze“ durchstöberten, nutzten wir das Treffen zugleich die Chronik der Schanze aus der ganz persönlichen Sicht eines Zeitzeugen zu erfahren. Eine verrückte Idee findet Anhänger…

das Zeitenspringerteam mit Herrn Tillack

Zeitenspringerteam (ZST): Herr Tillack Ihr Bruder Gerhard wird als Initiator der Schanze bezeichnet, wie kam es zu dieser Idee und wie erfolgte die Umsetzung?

Hr.Tillack: Mein Bruder war ein begeisterter Skispringer und fuhr in seiner Freizeit oft in Gebiete, wo er seiner Leidenschaft nachkommen konnte. Doch er stellte fest, dass er dies eventuell auch in seinem Heimatort realisieren konnte. Da sich an der Stelle, wo die Schanze damals stand, ein Nordhang ist und der Schnee dort bis ins Frühjahr liegen bleibt. Gemeinsam mit Freunden holte er sich die Erlaubnis von der Gemeinde, eine Schneise in den Wald an besagter Stelle zu schlagen. Daraufhin wurden Aushänge gemacht, die Wintersportbegeisterte für die Beteiligung am Aufbau eines Schanzenturms gewinnen sollten.

Der Kurze ist mit dabei...

ZST: Welche Meinung hatten Sie zu der Idee Ihres Bruders?

Hr. Tillack: Als mein großer Bruder die ersten Bemühungen zur Errichtung einer Skisprungschanze machte war ich gerade 8-9Jahre alt. Damals hieß es immer nur „Kleiner komm mit, wir gehen zur Schneise“, da ich meinen Vater recht zeitig verlor und oftmals nichts mit meiner freien Zeit anzufangen wusste, war mir die Arbeit im Wald mit anderen jungen Leuten ganz recht.

Herzblut und Gemurre...

ZST: Ihr Bruder war also ein Mensch, der Leute durch sein Engagement für sich und seine Ideen gewinnen konnte?

Hr.Tillack: Auf jeden Fall, wenn mein Bruder sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, investierte er viel Energie und Tatenkraft in die Umsetzung. Diese Initiative fand dann meist auch schnell Anhänger. Obwohl viele in der Gemeinde der Idee zur Errichtung einer Skisprungschanze belächelten und einige der Meinung waren, dass sich Gerhard als Sportlehrer besser um die Sportplätze oder das Kulturhaus bemühen sollte, wurde die Idee gefördert, da sie der Jugend eine Freizeitbeschäftigung bot.

ZST: Und wie stand es mit der Finanzierung?

Hr.Tillack: Anfangs war es sehr schwer Gelder für unser Projekt zu bekommen, da wir nicht die Lobby hatten, wie zum Beispiel die Handballer. Wir mussten um jede Mark kämpfen für unser Vorhaben. Meist haben wir erst Unterstützung aus der Gemeinde erfahren, wenn wir uns an übergeordnete Institutionen, wie das nationale Aufbauwerk oder den Skikäuferverband, gewandt hatten.

Die Schanze verändert sich...

ZST: Welche Etappen durchlief die Schanz bis sie ihre eigentliche Form bekam?

Hr. Tillack: Nun, ganz am Anfang hat man nur Reisig zusammengetragen, welches man übereinander gelegt hatte und mit Schnee abdeckte. Die Jahre darauf versuchten wir uns an einer Holzkonstruktion, die wir frei nach Augenmaß errichteten und jedes Mal ein bisschen erweiterten. Wir schafften es bis auf eine stattliche Höhe von 25m. Die eigentliche Schanze entstand erst als die damals modernste Skisprungschanze in Thüringen mit neuen Kunststoffmatten belegt wurde. Über Beziehungen erhielten wir die die alten abgelegten Kunststoffmatten für unser Projekt und Alwin Römer, der Konstrukteur der Thüringschanze, entwarf unsere Oberlausitzschanze.

Sagar etabliert sich als Wintersportgebiet...

Auszeichnungspokale aus Weißwasseraner Glass

ZST: Wie entwickelte sich der Ihr Sportgeist und der der in der Gemeinde zum Thema Schanzensport?

Hr.Tillack: Als unsere Gemeinde registrierte, was wir da aus dem Boden stampften, bemühte man sich schon Meisterschaften zu veranstalten und Erfolge zu verzeichnen. Schließlich wollte man auch als angemessene Wintersportlokalität wahrgenommen werden von umliegenden Bezirken wie z. B. Cottbus, die bereits mehrere Erfolge mit Ihren Wintersportsektionen erzielt hatten. Ich persönlich bin, wie gesagt, durch meinen großen Bruder in das Thema des Skisports hineingewachsen, da ich an der Errichtung der Schanze mitgewirkt hatte, beteiligte ich mich natürlich auch sportlich im Jugendwintersport. Mit 16 Jahren zum Ende der Schulzeit errichtete ich mit ein paar anderen Jugendlichen die Jugendskischanze fast im Alleingang.

ZST: Herr Tillack erzählen Sie uns von einem Erlebnis auf der Schanze oder eine Anekdote?

Hr.Tillack: Als ich noch ein Kind war, ist auch Dieter Mickein, der später ein bekannter Radsportler und Friedensfahrer der DDR wurde, von unserer Schanze gesprungen und hat sich auch als Skilangläufer versucht. Doch er erlitt dabei ein paar schwere Stürze. Gott sei Dank, verbot ihm seine Mutter den Skisport und er entdeckte den Radsport für sich, in dem er sich auch auf Republikebene beweisen konnte. Außerdem waren die Ferien- und Sportcamps im Sommer im Schanzengebiet immer schön. Pilze und Brombeeren sammeln im Wald und natürlich auch das Baden in der Neiße an inoffiziellen Plätzen war ein Spaß.

Immer mit vollem Einsatz…

Auch seine Töchter sind waren skibegeistert

ZST: Herr Tillack können sie uns genauer sagen in welchen Vereinen sie sportlich zu Gange waren und welche Funktionen Sie übernommen hatten?

Hr.Tillack: 1959 wurde die Sektion Ski unter dem Verein Traktor Weißkeisel in Sagar gegründet, da habe ich angefangen mich intensiver mit Skilanglauf und auch Skispringen zu beschäftigen. Nach dem ich meine Zeit beim Bund absolviert hatte, nahm ich an Erzieher- und Trainerlehrgängen für Skilanglauf teil. Mein Bruder konzentrierte sich mehr auf den Skisprung und trainierte die jeweiligen Sektionen. An manchen Tagen, wenn viel Betrieb bei den Springern war, habe ich Gerhard auch mal ausgeholfen und habe mit den jüngsten Springern Grundlagentraining gemacht, den jeder Sportler braucht Ausdauer.

In den 60zigern bin ich zu Kampfrichterlehrgängen nach Oberwiesenthal gefahren, um die richtige Sprungbewertung zu erlernen. Später in den 80zigern war die Wettkampfbewertung meine hauptsächliche Aufgabe, nebenbei war ich auch noch als Übungsleiter tätig. Im Sommer haben wir auf der Schanze mit Skirollern geübt, mit denen wir dann auch einige Wettkämpfe der Freude halber durchführten. Eigentlich war ich solange es die Schanze gab immer in die sportlichen Geschehnisse involviert, in den letzten Jahren war ich meist in einer leitenden Funktion, z.B. als Sektionsleiter oder Leiter der Betriebssportgemeinde.

ZST: Was waren ihre persönlichen Erfolge und welche davon haben Ihnen am meisten bedeutet?

Medalien und Auszeichnungen von Herrn Tillack

Hr.Tillack: Als ich noch bei den Junioren war, wurde ich im Winter 63/64 Bezirksmeister im Skilanglauf und hatte auch an den Nordischen Kombinationswettkämpfen teilgenommen. Außerdem bin ich im selben Jahr beim Rennsteiglauf von Taperst nach Oberwiesenthal mitgelaufen und habe den 32. Platz belegt, diese Erfolge waren schon recht bedeutsam für mich. Aber durch die viele Arbeit im Verein kam das eigene Training oft zu kurz und die Zeit für Wettkampfteilnahmen war daher auch nicht gegeben. Ich konzentrierte mich somit mehr auf das Training des Nachwuchses und die Organisation von Verein und Wettkampf.

Auch die längste Schanze hat ein Ende...

ZST: Schildern Sie uns bitte wie Sie den Niedergang der Schanze miterlebten! Wie war ihr persönliches Empfinden?

Hr. Tillack: Das Ende der Schanze ging mit der Wende einher. Die Finanzierung der vielen Sportsektionen wurde immer schwieriger und es gab immer mehr Problem mit der Betriebsportgemeinde, so dass wir unseren eigenen Verein gründeten, den „Skisportverein Sagar“. Eine Weile lang versuchten wir uns mit Eigeniniative und eigenen Mitteln über Wasser zu halten. Aber die Preise für den Unterhalt der Schanze sprengten unser Budget und auch der ehemalige Besitzer des Geländes meldete sich nach der Wende wieder zu Wort (siehe Zeitzeugentreff am16.04.09 im Heimatkundemuseum Sager). Schließlich wurde der Verfall der Schanze immer größer und das Interesse nahm immer weiter ab, letztlich wurden nur noch die Mittel zum Abriss beantragt. Es ist traurig, wenn etwas zu Grunde geht was man mit geschaffen und am Leben gehalten hat, ich kann schon behaupten das es für mich das Ende eines Lebenswerkes war und natürlich ist da auch viel Wehmut dabei.

Hauptsache Ski…

ZST: Haben Sie auch nach dem Ende der Schanze noch Wintersport betrieben und was machen Sie dieser Tage für Ihre körperliche Fitness?

Hr. Tillack: Als sich der Skisport in Sager dem Ende neigte habe ich so gut wie gar nichts mehr gemacht, was sich selbstverständlich an meinem Körper rächte und ich habe Herzprobleme bekommen, was ich nie gedacht hätte. Schließlich war ich auch als Trainer immer mit auf Achse und bin mit meinen Junioren stets mitgelaufen, Berg rauf, Berg runter. Heute fahre ich viel Fahrrad mit meiner Frau, am Wochenende können es schon mal 50 -60km sein. Im Winter haben wir vor wieder mehr ins Gebirge zu fahren und um uns wieder auf unsere Skier zu schnallen.

ZST: Und welchen Sport verfolgen Sie in Funk und Fernsehen?

Hr. Tillack: Schanzenspringen, Skilanglauf, Biathlon … Aber in den letzten Jahren sind mir diese Sportarten mit Ihren hochgestochen Stars zu kommerziell geworden, das gefällt mir nicht. Trotzdem muss ich alles was Skisport angeht ansehen, schließlich hängt das Herz immer noch dran.

Herr Tillack zeigt seine Schätze

Zukunftsmusik?...

ZST: Was halten Sie von den Plänen von Rüdiger Mönch, der ehemaligen Skisportanlage wieder ein bisschen Leben einzuhauchen durch den Wiederaufbau der Baude?

Hr. Tillack: Natürlich freut man sich wenn man sieht, da passiert wieder etwas, aber ich denke, dass diejenigen, die besser situiert sind, zum Skisport in andere Gebiete reisen und unsere Winter auch nicht mehr so schneereich sind wie damals. Ich habe zu Rüdiger gesagt das ich mich nicht mehr an irgendwelchen Vorhaben dieser Art noch großartig beteiligen werde, höchstens noch in beratender Funktion, da ich schließlich weiß, wo sich Anschlüsse und Leitungen für die Strom- und Wasserversorgung noch befinden. Ich bin gespannt ob sich tatsächlich noch mal Investoren und Interessenten finden.

Berufliche Biographie

Gerhard Tillack (* 04.09.1926)

  • nach der Schule eine Lehre zum Schlosser gemacht
  • nach dem Krieg als Lehrer gearbeitet
  • Fernstudium an der Deutschen Hochschule für Körperkultur zum Diplomsportlehrer
  • bis zur Rente tätig als Sportlehrer in Sagar, Krauschwitz und Weißwasser

Klaus Tillack (* 05.06.1945)

  • Lehre zum Betriebsschlosser in der Keulahütte in Krauschwitz
  • im Anschluss 3 Jahre Dienst in der Nationalen Volksarmee (NVA)
  • danach Arbeit als Dreher und Qualifizierung zum Maschinenbauingenieur
  • 1974 Lehrerausbilder in der Betriebsberufsschule Keulahütte
  • ebenfalls 1974 Zusatzstudium zum Ingenieurpädagogen
  • bis 1983 Lehrmeister
  • 1983 bis 1991 Leiter der Polytechnik der Keulahütte
  • nach Schließung der Polytechnik selbstständig als Graveur und Schlüsseldienst
  • danach wieder 2 Jahre als Schlosser tätig
  • 1998 bis 2005 Ausbildungsleiter bei einem privaten Bildungsträger ( Ausbildung von Gas-Wasser- und Heizungsinstallateuren )
  • nun Rentner, widmet sich nun hobbymäßig der Imkerei