Zeitzeugen-Interview vom 16.04.2009

Hr. Frommelt
Es wurde die Bitte an uns geäußert ein Modell der Oberlausitzschanze zu bauen, daraufhin hatten wir den Einfall zusätzlich noch Informationen zu sammeln und ein Geschichtspuzzle aus Fotos , Berichten und Zeitzeugenaussagen zusammenzutragen, und dieses in das Projekt „Zeitensprünge“einzugliedern. Meine erste Frage ist - wie kam es überhaupt zu der Idee in einer Gegend, die eher ungeeignet für den Wintersport scheint, eine Skisprungschanze und ein Wintersportgebiet kurz nach dem Krieg zu errichten?
Hr. Mönch
Ich möchte versuchen das Entstehen der Schanze auf Grund der damaligen regionalen Begebenheit zu begründen. Sager war schon zu Beginn der 30iger Jahr ein sehr sportlicher Ort, zum benannten Zeitpunkt zählte Sager 800 Einwohner, davon waren 200 Leute inklusive der Jugend in irgend einer Form sportlich aktiv. 1931 wurde auf Eigeninitiative der Einwohner ein Sportplatz angelegt. Es gab einen Radsportverein; wir waren Ostdeutscher Meister im Schlagball; es wurde Handball gespielt, von diesem Sport gab es jeweils eine Turnierriege für Mädchen und Jungen. Damit ist auch logisch warum sich Herr Tillak, als damaliger Sportlehrer, neue Gebiete des Sports für die Region erschließen wollte.
Hr.Tillak
Mein Bruder ist sehr wintersportbegeistert und ist in der „Lausche“ Ski gefahren und ist auch viel rumgekommen. Er hatte festgestellt, dass dort, wo damals die Schanze entstand, ein Nordhang ist. Durch seine Eigeninitiative und die einiger Mitinteressenten, wurde über die Gemeinde das Projekt „Oberlausitzschanze“ ins Leben gerufen.
Frau Gutjahr
Können Sie mir noch einmal detaillierter sagen warum gerade an dieser Stelle die Schanze entstanden ist, welche Faktoren haben eine Rolle gespielt?
Herr Tillak
chon seit langem hat man an diesem Hang Langlauf praktiziert und der dessen Form bot schon von sich aus eine natürliche Schanze. Also überlegte man, wenn man schon auf Grund der natürlichen Begebenheiten so weit springen kann, warum nicht noch ein Stückchen weiter. Die Leute fingen an eine Schneise in den Wald zu schlagen, da das Gebiet staatlich war, fiel die Rodung nicht besonders auf. Man trug das geschlagene Reisig zusammen und improvisierte eine Absprungschanze. Aber nach kurzer Zeit war diese so baufällig das sie abgetragen wurde, und die Gemeinde entschied sich eine richtige Schanze zu errichten.
Herr Frommelt
Und welche geografischen und witterungsbedingten Faktoren haben noch eine Rolle gespielt, Sie erwähnten den Begriff Nordhang am Anfang des Gespräches?
Herr Tillak
Nun wie der Begriff Nordhang schon vermuten lässt ist die Abfahrtsstrecke nach Norden ausgerichtet. Das heißt, das dort so gut wie keine Sonne drauffällt und sich somit der Schnee lange zum Ende des Winters noch hält. Wenn der Frühling sich ankündigte haben wir eine Woche nach Feierabend, noch die letzten Schneehaufen,die der Schneepflug an den Straßenseiten errichtet hatte, zusammengetragen und auf die Piste geschafft und festgetreten, so konnten wir noch bis in den März hinein, am Wochenende ein paar Sprünge machen.
Herr Frommelt
Wie lange wurde regulär gesprungen bzw. war die Schanze in Betrieb; gab es Meisterschaften?
Herr Tillak
Bei uns fand jährlich die kleine Ostdeutsche Meisterschaft, also eine Bestenermittelung statt. Hierfür musste man sich nicht über einen Verein qualifizieren, sondern es sind die jeweils Besten in den jeweiligen Bezirken gegeneinander angetreten. Diese Meisterschaften fanden bis 1988 statt. Ich möchte hinzufügen, dass es sich bei der Oberlausitzschanze an und für sich um eine sehr moderne Schanze handelte, deren Architekt Alwin Römer aus Seeligental / Oberhof war. Mein anderer Bruder Helmut war an der Kinder- und Jugendsportschule Sportlehrer in Oberhof und hat letztlich Kontakte zur Thüringenschanze geknüpft, damit wir die Baupläne zur Vorlage nutzen konnten. Die Thüringschanze war damals die modernste Skisprungschanze weltweit, da die Skilauffläche mit Kunststoffmatten beschichtet war.1965 wurden die Matten ausgetauscht, da diese sich abnutzen. Auf Grund unserer Beziehungen konnten wir das unbeschädigte Material der abgelegten Matten für unsere kleinere Schanze nutzen. Aus den Resten haben wir die Langlaufstrecke von 250 Metern belegt, deshalb waren unsere Langlaufathleten im Bezirk Cottbus immer mit vorn - in der Altersklasse, wo ich mit trainiert habe, waren wir meist Bezirksmeister.
Frau Gutjahr
lso kann man sich das so sportlich vorstellen, das alle Bereiche des Pistenwintersports mit erfasst wurden und das es eine Kinder- und Jugendförderung gab?
Herr Tillak
Natürlich, wir hatten meist in den jeweiligen Bereichen verschiedene Alters- und Qualifizierungsklassen, da unser Kreis für den Leichtathletiksport bekannt war, hatten insbesonders die Jugend bei den Wintersportmeisterschaften die Nase mit vorn, man sagt ja, der Wintersportler wird im Sommer gemacht, später kamen auch noch die Skiroller - die von Jahr zu Jahr immer moderner wurden - zum Training in den warmen Monaten hinzu.
Frau Heinze
Wurde jedes Wochenende die Schanze genutzt und wie oft gab es offizielle Veranstaltungen?
Herr Tillak
m Sommer gab es immer bestimmt 2-3 Mal Turniere im Kunstmattenspringen. Die Springer kamen dazu auch immer regelmäßig aus der Umgebung, schon allein weil wir gute Beziehungen zu den Glasfachbetrieben hatten. Die Schanze wurde auch von Springern, insbesondere von 12-17 Jährigen, aus der ganzen DDR als Trainingsort gern genutzt, da man von unserer Schanze wirklich abspringen musste, denn wer nicht richtig absprang, plumpste schon nach wenigen Metern runter und nur wer richtig „Wums“ in den Knochen hatte flog 30m und mehr.
Herr Frommelt
Wer waren berühmte Springer aus der DDR die hier trainiert hatten?
Herr Tillak
Zum einen war es der damalige Nationaltrainer Rainer Heuss und der Co-Trainer Henry Glass, der in der Saison 1966/67 im Schanzenweitsprung Vizeeuropameister wurde und später Europameister bei den Junioren. Bei Olympia holte er dann auch in den nächsten Jahren Bronze. Auch bekannt ist Matthias Buse aus Oybin, der auch bei Olympia Medaillengewinner war.
Herr Frommelt
Und wie kann es schließlich zu Ende des Springbetriebes
Herr Tillak
inerseits aus sicherheitstechnischen Gründen und zum anderen durch die Wende. Nach 1989 hatte der Verein sich selbstständig gemacht und wurde zum eingetragen Verein. Wir hatten uns von der Betriebssportgemeinschaft gelöst und mussten darauf hin alle Kosten selber tragen, so auch Wasser und Strom - aber mit 30 Mitgliedern hat sich der Verein auf Dauer nicht halten können. Wir übergaben das Gebiet an die Gemeinde zurück.
Herr Frommelt
Wie kam es zum Verfall der Schanze?
Herr Tillak
Der Verfall fand schon vor der Wende statt. da es sich um eine Holzturmkonstruktion handelt musste alle drei bis fünf Jahre der Zersetzung entgegengewirkt werden. Die Mittel wurden dafür nicht zur Verfügung gestellt. Daraufhin wurde der Schanzenturm auf 5-6m zurückgebaut und dann schließlich zur Wende beantragte man Fördermittel zum Abriss.
Frau Heinze
Nach dem Abriss kam die Rede auf, das es doch Fördermittel hätte geben sollen?
Herr Tillak
Das stimmt aber es hat sich kein Verein als Träger finden lassen und für uns war mit dem Abriss der Schanze das Thema beendet und für die Risiken und Aufgaben wollte von uns auch keiner mehr bürgen. Außerdem wurde das Gebiet übereignet an den Enkel von Fürst Pückler, dieser wollte das Gebiet nicht zur Nutzung bereit stellen, da er es für unangemessen befand Sport in mitten der freien Natur zu betreiben
Herr Mönch
Als Mitglied des Fördervereins „Krauschwitzer Neißeland“ wurde jedoch vor kurzer Zeit der Gemeinde das Gebiet wieder zugesprochen und nun ist man interessiert dort eine Hütte zu errichten, die der damaligen Skibaude ähnelt.
Herr Frommelt
Fakt ist also das dort keine Schanze mehr entstehen wird?
Herr Mönch
Nun ja eine kleine Schanze existiert ja noch, nämlich der ehemalig Hang der Jugendschanze.
Herr Tillak
Vielleicht ließe sich dieser, durch Errichtung eines 5m hohen Sprungturm - mit heutigen Mitteln - wieder ausbauen, wenn sich Interessenten finden - aber das ist Zukunftsmusik!