Brief an die Stadträte (von Randolf Rotta, 29.03.2010)

Werte Stadträte,

mit Sicherheit versuchen wir alle, Sie, die Bürgermeister, die Station junger Techniker und auch ich, das Beste für die Entwicklung der Stadt zu erreichen. Nun stehen wir nach einer verwirrenden Woche wieder vor schwierigen Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen. Die Verantwortung gegenüber den Bürgern der Stadt und die Verantwortung der Großen Kreisstadt gegenüber den umliegenden Gemeinden ist groß. Aus diesem Grund will ich, als stellvertretender Vorsitzender der Station, im folgenden Text den anstehenden Beschluss thematisieren und dessen Auswirkungen auf die Zukunft der Stadt erläutern.

Aus Sicht des Vereins muss die Ihnen vorliegende Beschlussvorlage so interpretiert werden, dass die ehemalige Kinderkrippe in der Brunnenstraße als alleiniger Standort der Station festgelegt werden soll. Der Begründungstext unterstreicht dabei, die geteilte Nutzung des Gebäudes und Geländes mit der Obdachlosenunterkunft. Auch wird kein Zweifel daran gelassen, dass das Gelände am Prof.-Wagenfeld-Ring nicht weiter genutzt werden soll.

Wenn der Beschlussvorlage zugestimmt wird, entstehen für die Stadt zusätzliche jährliche Ausgaben von rund 10'000 Euro durch Betriebskosten, die der Verein in der Brunnenstraße nicht wie bisher selbst finanzieren kann. Dies entspricht Kosten von 200 Tausend Euro in den nächsten 20 Jahren. Demgegenüber spart die Stadt keinerlei Investitionsgelder (im wesentlichen aus Fördermitteln), da diese laut der Vorlage lediglich in die Brunnenstraße umverlagert werden sollen.

Das Gelände am Prof.-Wagenfeld-Ring wird durch einen Umzug auf Ewig für die Stadt verloren gehen. Die wegfallenden Einnahmen und wachsenden Abhängigkeiten von anderen Einrichtungen (vor allem die benachbarte Schule, das KiEZ und die Stadt) und die nicht ausreichenden Lagerflächen gefährden die Zukunft der gemeinnützigen Arbeit unseres Vereins extrem. So können in Zukunft keine überregionalen und internationale Ferienprojekte in die Stadt geholt werden und sogar einige jährlich wiederkehrende Sportgruppen aus dem Eisstadion müssten sich andere Unterkünfte suchen. Insgesamt beeinträchtigt dies die Attraktivität der Stadt Weißwasser, was vor allem im Vergleich zu umliegenden Städten wie Hoyerswerda keine gute Idee sein kann.

Können Sie dies riskieren und mitverantworten?

Unabhängig von Ihrer persönlichen Entscheidung am Mittwoch, will ich Ihnen schon jetzt dafür danken, dass Sie sich mit dem Thema und unserem Anliegen beschäftigt haben. Viele der Stadträte haben die Möglichkeiten einer Vor-Ort-Begehung in der Brunnenstraße und in der Station am Prof.-Wagenfeld-Ring in der vergangenen Woche genutzt – was die Mitglieder des Vereins sehr erfreute.

Die Situation ist bei weitem nicht so alternativen-los, wie es der Begründungstext erscheinen lässt. Aber zunächst ist es angebracht, genauer auf die Betriebskosten und die örtlichen Gegebenheiten in der Brunnenstraße einzugehen.

Zu den Betriebskosten

Die Heizkosten beliefen sich im letzten Jahr auf 7'500 €, dies entspricht 40% der 17'600 € Betriebskosten. Durch Sanierung der Brunnenstraße oder Neubau am Prof.-Wagenfeld-Ring werden sich die Strom- und Wasserkosten nicht senken lassen und die Heizkosten wahrscheinlich nur halbieren, also 3'500 € Sparpotential. Demgegenüber verliert der Verein und dadurch auch die Stadt jährlich 14'000 € aus dem Betrieb der Bungalows. Lediglich knappe 3'000 € aus der Nutzung des Versammlungsraums könnten auch in der Brunnenstraße realisiert werden. Dadurch ergibt sich ein jährlicher Fehlbetrag von 11'000 €, den unser Verein nicht, und beim besten Willen auch kein anderer Verein, in der Brunnenstraße kompensieren kann. Demzufolge werden diese Betriebskosten auf die Stadt zurückfallen.

Zur Situation in der Brunnenstraße

Das Gebäude soll gemeinsam mit der Obdachlosenunterkunft genutzt werden, wobei die Obdachlosenunterkunft das Erdgeschoss auf Seite des Braunsteichwegs weiter behält, inklusive des Zugangs vom Braunsteichweg und der Terrasse Richtung Kita Zwergenland/Käseteich. Für die Station sind das Obergeschoss auf Seite des Braunsteichwegs und eine Hälfte des eingeschossigen Zwischenbaus Richtung Kita Zwergenland vorgesehen. Dies entspricht in der Tat einer Gebäudefläche von 500qm (Ausmessen auf dem Geoportal des Landkreises), wovon allerdings schon 100 qm durch Treppenhaus und Flure nicht nutzbar sind.

Ein Außengelände ist faktisch nicht vorhanden. Die kleine Wiese am Zwischenbau (10x20m) wird als Parkplatz benötigt werden. Die kleine Wiese auf der anderen Gebäudeseite muss fairer Weise auch von den Obdachlosen genutzt werden dürfen. Die Wiese Richtung Braunsteichweg ist nicht praktisch benutzbar (Bäume, Gasleitung). Und der Käseteich? Putzaktionen sind keine Bildungsarbeit, allenfalls Kinderarbeit. Garagen und Lagerflächen für Arbeitsmaterialien, unseren Kleintransporter, die Hüpfburg, und für die 4 Gokarts und 5 Mopeds der Kfz-Technik-Gruppe sind nicht vorhanden und nicht realisierbar.

Die geographische Lage ist nicht wirklich besser als am Prof.-Wagenfeld-Ring. Richtung Norden und Osten gibt es im wesentlichen Gärten. Nach Einschätzung von Anwohnern, leben in der näheren Umgebung vor allem ältere Menschen. Im Vergleich zu den großen Wohnsiedlungen im Süden der Stadt und dem Freizeitpark, ist dies kein Fortschritt.

Übernachtungsmöglichkeiten sind in der Brunnenstraße für den Verein nicht realisierbar, denn im Gebäude wäre ohnehin schon Platzmangel (Lager). Die Verwendung der Turnhalle, wie vom Oberbürgermeister und anderen vorgeschlagen, ist schlichtweg unrealistisch. Bisher konnten die Übernachtungskosten als Eigenleistungen für Fördermittel eingebracht werden, was in der Brunnenstraße nicht geht. Dadurch wird es schwer bis unmöglich überregionale Ferienprojekte nach Weißwasser zu holen. Das Kiez am Braunsteich ist zu weit weg und mit für uns nicht bezahlbar.

Praktische Schwierigkeiten ergeben sich auch durch die Obdachlosenunterkunft im selben Gebäude. Dabei geht es keinesfalls um konkrete Probleme mit den Obdachlosen, die allesamt nette Menschen sind. In der Jugendarbeit sind wir dem Kinder- und Jugendschutzgesetz unterworfen, welches auch klare Rauch- und Alkoholverbote enthält. Auf dem bisherigen Gelände konnten wir dies als alleinige Nutzer gut gewährleisten. Aber in der Brunnenstraße würde die Station direkt an Geländeteile grenzen, die außerhalb unseres Einflusses liegen. Diesbezüglich werden wir ja schon jetzt von Eltern befragt und auch die Kooperationspartner und Geldgeber aus der Jugendarbeit werden genauer nachfragen, wie das geregelt ist. Das kann der Verein nicht alleine klären. Dazu müssen Antworten und Lösung auch durch die Stadtverwaltung gefunden werden.

Im Vergleich das Gelände am Prof.-Wagenfeld-Ring

Im Gelände am Prof.-Wagenfeld-Ring gibt es zur Zeit die sogenannte „Baracke“ mit Seminar-Saal, ca. 8 aktiv benutzten Fachräumen und Werkstätten, sowie Büro, Küche und sanitäre Anlagen. Dieses Gebäude bietet eine Fläche von 860 qm (Ausmessen auf dem Geoportal des Landkreises), wovon auch ca. 100qm für Flure abgezogen werden können. Hinzu kommen 9 Bungalows mit bis zu 40 Betten, eine Sommerküche und ein Bungalow für Sanitäre Anlagen. Vor wenigen Jahren wurden durch den Verein alle Bungalows vollständig saniert und sind in sehr gutem Zustand. Nicht vergessen dürfen wir zahlreiche Garagen und Lager für den Kleinbus, die Hüpfburg, sowie 2 „Autos“, 5 Mopeds und 4 Go-Karts der Arbeitsgemeinschaft Kfz-Technik.

Zugegebenermaßen liegt die Station am Prof.-Wagenfeld-Ring nicht zentral sondern etwas abgelegen. Bisher war es dennoch nicht nur für Kinder und Jugendliche kein Problem den Weg dort hin zu finden. Auf jeden Fall kein Problem, dass nach unserer Sicht einer Lösung bedürfte. Immerhin wohnt ein großer Anteil der Weißwasseraner in den Wohngebiet vom Prof.-Wagenfeld-Ring bis Eisenbahnstrecke. Ein nicht von der Hand zu weisender Vorteil dieser Lage ist, dass sich bisher noch nie Anwohner über Lärmbelästigung durch Veranstaltungen beschwert haben.

Alternativen zur Beschlussvorlage

Wie auch schon vom Oberbürgermeister festgestellt, ist ein Parallel-Betrieb des vollständigen Gebäudes in der Brunnenstraße und des Geländes am Prof.-Wagenfeld-Ring durch den Verein nicht realistisch durchführbar. Neben dem personell zu hohen Betreuungsaufwand trägt dazu bei, dass die Bungalows ohne ein zusätzliches Gebäude mit Arbeitsräumen nicht sinnvoll nutzbar sind. Genau dieses würde nach dem irgendwann notwendigen Rückbau der „Baracke“ fehlen.

Gerade an diesem Punkt dürfen wir nicht vergessen, dass eigentlich einem Neubau auf dem bisherigen Gelände als Ersatz für die „Baracke“ nichts im Wege steht. Geldmittel aus dem Konjunkturpaket II wurden dafür bewilligt und im Stadtrat wurde schon im letzten September (vor 5 Monaten!) für den Beginn der Planungsarbeiten gestimmt. Mit Sicherheit reichen diese knapp 400'000 € nicht für ein neues Gebäude in bisheriger Größe. Nach Standardpauschalen für einfache Eigenheime würde dieses Geld locker für 300 qm ausreichen (400qm ergäben 600'000 €). Was die Kosten betrifft vertrauen wir auf die Fähigkeiten der Stadtverwaltung, ein Gebäude entsprechend den verfügbaren Mitteln planen zu können. Über Nutzungskonzepte mit weniger Arbeitsräumen wurde von unserer Seite bereits nachgedacht. Dazu gehört, technisch verwandte Gruppen in gemeinsame Räume zusammen zu legen. Auch haben wir schon begonnen, Materialen für ein kleines Lagergebäude (als Kaltbau) zu organisieren, dass Lagerflächen aus der „Baracke“ ersetzen kann.

Eines ist dabei sicherlich klar: Im Gelände am Prof.-Wagenfeld-Ring können wir auf das Engagement unserer Mitglieder und Helfer bauen – während wir in der Brunnenstraße einige Jahre beschäftigt sein werden, den Verein überhaupt am Leben zu erhalten.

Alternativen gibt es auch für das Gebäude in der Brunnenstraße, die in der Beschlussvorlage verschwiegen werden. Anstatt das gesamte Gebäude notdürftig zu sanieren, könnten dort Mittel aus dem Stadtumbau-Ost benutzt werden, um den unnötigen Zwischentrakt rück zu bauen. Dann bliebe mehr Geld aus dem Konjunkturpaket II für die Sanierung der Obdachlosenunterkunft und gleichzeitig gewänne das Gelände an etwas Außenflächen.

Dass es teilweise Angebote gibt, die in der Brunnenstraße besser positioniert sind als am Prof.-Wagenfeld-Ring, haben wir nie bestritten. Eher im Gegenteil. So redete die Stadtverwaltung schon vor dem Vorstoß des Oberbürgermeisters mit uns über die Nutzung von ein paar Räumen in der Brunnenstraße. Im Rahmen der Möglichkeiten des Vereins sind wir auch weiterhin bereit, an einem Nutzungskonzept für die Brunnenstraße mit zu arbeiten. Das ist allerdings etwas völlig anderes als ein „zukünftiges Domizil“.

Über den Verein, die Station und ihre Arbeit

Der Verein „Station für Technik, Naturwissenschaften, Kunst - Weißwasser e.V.“ ist ein anerkannter freier Träger der Jugendhilfe. Sein Zweck ist, laut Satzung vom Juni 2009, die Förderung der Jugendhilfe und Förderung von Kunst und Kultur, was insbesondere durch die Schaffung und Förderung entsprechender Bildungs- und Freizeitangebote in Technik, Kunst, Naturwissenschaften und Umweltbildung, sowie integrative und intergenerative Angebote und den dafür notwendigen Betrieb und Pflege geeigneter Standorte und Räumlichkeiten verwirklicht werden soll. Die Station hat jährlich reichlich 7000 Besucher – hauptsächlich Kinder und Jugendliche.

Neben regelmäßigen Arbeitsgemeinschaft mit wöchentlich rund 80 Teilnehmern organisieren wir in Weißwasser Projekte und Workshops zu sozialen, technischen und ökologischen Themen. An letzteren nahmen im vergangenen Jahr insgesamt 1200 Teilnehmer teil. Unsere Ferienangebote und Ferienprojekte konnten 600 Besucher in die Station locken. In den letzten Jahren entstand ein neues Tätigkeitsfeld durch Angebote für Kindergärten und Schulen. Dazu gehören Beiträge zu Ganztagsschul-Angeboten (GTA) und zum Beispiel die monatlichen Umweltkoffer-Experimentalstunden in den KiTas Ulja, Regenbogen und Kinderland. Unsere Kooperationspartner sind froh über unsere Erfahrungen, Kontakte und Werkstätten zur Vorbereitung neuer Experimente. Zu den jährlich wiederkehrenden Ereignissen mit hohen Besucherzahlen gehören: Ampelmännchen-Schulungen (300 Kinder), der Kinderfasching (500 Kinder), Veranstaltungen zum Weltkindertag (200 Kinder), der Tag der Technik (500 Besucher) und offene Bastelangebote zu Ostern und Weihnachten (300 Besucher).

Die Station richtet sich mit ihren Angeboten aber nicht nur an Kinder. Auch Erwachsene und Rentner sind in die Arbeit integriert – meist als Teilnehmer, manchmal als Organisatoren und Betreuer von Arbeitsgemeinschaften. Den demographischen Prognosen des Freistaats kann man für Weißwasser in den nächsten 10 Jahren entnehmen, dass die Bevölkerung langsam um 10-20% zurückgehen wird und in der Gruppe der 6-25 Jährigen um bis zu 30%. In absoluten Zahlen bedeutet dies für uns, einen Rückgang von 2'700 auf 1'900 Kinder und Jugendliche im Weißwasseraner Stadtgebiet im Zeitraum von 10 Jahren. Wir sind uns dieser Entwicklungen bewusst, denken aber, dass unabhängig von Statistiken auch diese Kinder ein Recht auf außerschulische Bildungs- und Freizeitangebote haben sollten. Gerade die naturwissenschaftlichen und technischen Angebote können eine wichtige, positive Rolle in der Entwicklung dieser Generation spielen und ihnen nachhaltig Job-Chancen eröffnen.

Über meine Rolle in der Station

Ich bin in Weißwasser aufgewachsen und bin nun Doktorand an der BTU Cottbus. Früher war ich viele Jahre in der Station in den Arbeitsgemeinschaften für Elektronik und Computer. Dies hat mein Interesse und Verständnis für Technik geprägt und gefördert – in der Retrospektive ein wichtiger Baustein für das spätere Studium.

Besonders wichtig finde ich dabei, dass dort Technik nicht nur erlebt und konsumiert wird, sondern Kinder auch lernen können, Technik selbst zu gestalten. Daher bin ich froh, seit einigen Jahren in der Station mitarbeiten zu können. So konnte ich immer wieder erleben, wie die Arbeit den Jugendlichen hilft, Horizonte zu erweitert und Perspektiven fürs Leben zu finden. Auch für die Universität spielt Weißwasser eine bedeutende Rolle – einige recht gute Studenten und Absolventen kommen aus Weißwasser. Daran hat die Jugendarbeit in der Station einen sichtbaren Anteil.

Zusammenfassung

Die Beschlussvorlage will das Gebäude in der Brunnenstraße als einzigen, zukünftigen Standort der Station. Dies erspart der Stadt keine Investitionen, belastet aber die Stadtkasse mit den Betriebskosten. Gleichzeitig wird die Arbeit des Vereins stark beeinträchtigt und die Überlebensfähigkeit gefährdet. Dies ist ein unnötiges Risiko für alle Beteiligten. Es gibt bessere und langfristig kostengünstigere Alternativen.

Der Verein kümmert sich nun schon seit 20 Jahren um die Pflege des Geländes, ohne dass dafür Betriebskosten oder echte Investitionen für die Stadt anfielen.

Warum soll diese günstige Konstellation aufgegeben werden?